Häuservernetzung Winterthur

Wohnraum verteidigen!

  • Solidaritätserklärung mit dem CSOA il Molino in Lugano

    Wir, die Häuservernetzung Winterthur — eine Organisierung sieben räumungsbedrohter, teils besetzter und selbstverwalteter Häuser in Winterthur und Umgebung — rufen zur Solidarität mit dem räumungsbedrohten sozialen Zentrum CSOA il Molino in Lugano auf.

    Das Molino ist das einzige grosse gegenkulturelle Zentrum im Tessin. Es steht seit den 1990er Jahren für eine Kontinuität von radikaler autonomer Politik, Kunst und Kultur.

    Das Molino ist ein wichtiger Treffpunkt für die Jugend, für Leute mit wenig Kohle oder unsicherem Status und für die subkulturelle Szene.

    Das Molino ist ein Stachel im Bankenzentrum Lugano. Hier regiert die rechtsradikale Lega dei Ticinesi und versucht zusammen mit den anderen Parteien, ein herausgepützeltes Luxus- und Tourismusparadies für Reiche zu errichten.

    Wir wissen: Räume, die wir uns erkämpfen, eröffnen Perspektiven, die über die alltägliche kapitalistische Misere hinausgehen. Orte des Austauschs, des Lernens, zum Feiern, zum Streiten und Kämpfen.

    Gerade in der gegenwärtigen Krise müssen wir diese Orte verteidigen. Sie werden versuchen, die Krise auf uns abzuwälzen, während sie immer reicher werden.

    Um die gegenseitige Hilfe und Solidarität gegen die Krise zu stärken, brauchen wir antikapitalistische und solidarische Strukturen und Räume. Und zu diesen gehört das CSOA il Molino!

    Wir bleiben alle

    Häuservernetzung Winterthur
    23.5.2021

    wohnraumverteidigen.noblogs.org
    haeuservernetzung-winti(aet)riseup.net

    Italienisch Übersetzung folgt

     

  • Radiosendung der Häuservernetzung zum 1. Mai 2021

    Am 1. Mai 2021 während der Demo hat das antikapitalistische Bündnis Winterthur hat eine Radiosendung auf Radio Stadtfilter (stadtfilter.ch) ausgestrahlt. Dabei konnten auch wir von der Häuservernetzung Winterthur einen Beitrag von rund 30 Minuten zur Situation der von der Räumung bedrohten Stefanini-Häusern machen.

    Hört es Euch an!

    Besuch im Sulzer-Hochhaus: 2. offener Brief an die Terresta AG

  • Friede den Hütten – Krieg den Palästen! Flugblatt zum 1. Mai

    Wir bleiben alle!

    In den letzten 20 Jahren sind die Mieten explodiert. Das Immobiliengeschäft boomt. Es wird überall abgerissen, saniert und investiert.

    Erinnert ihr euch, wie es früher war? Erkennt ihr die Orte noch, in denen ihr lebt? All die widerliche Pastellfarbe auf renovierten Fassaden. Die hässlichen, überteuerten Neubauten. Alles wird aufgewertet, herausgeputzt, auf Kommerz getrimmt. Aus dem öffentlichen Raum, aus den Gassen, Plätzen, Pärken, soll alles weg, was stört. Was nicht dem Geschäft dient, hat keine Daseinsberechtigung.

    Doch nicht nur da: Auch aus den Häusern sollen alle verschwinden, deren Portemonnaie nicht genug hergibt.

    Gemeint sind damit wir. Weil wir in prekären Jobs arbeiten müssen, weil wir uns keine hohe Miete leisten können, weil wir keine «guten SteuerzahlerInnen» sind. Unsere Lebenskosten steigen ständig an. Die Mieten, die Krankenkassen- und Versicherungsprämien, der ÖV: alles wird teuerer, während unsere Löhne stagnieren und die Renten gekürzt werden.

    Die Immo-Firmen machen in der COVID-19-Krise fette Profite, während wir die Arbeit verloren haben oder auf Kurzarbeit sind. Einen Erlass der Wohnungsmieten gibt es nicht. Sanierungen und Abrissprojekte werden weiter verfolgt, als wäre nichts geschehen. Zwangsräumungen finden weiterhin statt.

    Ob Pandemie oder nicht, ob gesund oder krank: Wenn es um die Sicherung der Rendite der Hauseigentümer geht, dann bleibt alles beim Alten.

    Der Verlust der Arbeit oder der Wohnung ist nicht ein individuelles Problem, sondern Ausdruck einer gesellschaftlichen Situation, die Kapitalismus heisst. Die ständige Verteuerung unseres Lebens ist ein gegen uns gerichteter sozialer Angriff von oben – und gegen den müssen wir uns von unten wehren. Es kann so einfach nicht mehr weitergehen.

    In Winterthur ist eine der wichtigen Immo-Firmen die SKKG (Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte) mit ihrer Verwaltungsfirma, der Terresta. Die SKKG wurde vor gut 40 Jahren vom verstorbenen Millionär Bruno Stefanini gegründet und besitzt alleine in Winterthur 1700 Wohnungen in 200 Häusern. Diese sind in die Jahre gekommen, weil Stefanini die Mieteinanhmen lieber in seine Kunstsammlung steckte als in den Unterhalt der Häuser.

    Heute wohnen in den günstigen Stefanini-Wohnungen viele, die nicht viel haben. Doch so soll es nicht mehr sein.

    Denn die SKKG unter der Leitung von Bettina Stefanini will ihre Einnahmen erhöhen. Alle Häuser sollen saniert werden – einige davon möchten sie abreissen und neu überbauen. Dafür will die SKKG nicht weniger als 1 Milliarde Fr. ausgeben: 500 Millionen für Sanierungen oder Abriss, weitere 500 Millionen für Neuüberbauungen. Zur Zeit laufen bei der Verwaltungsfirma Terresta mindestens 40 Sanierungs- oder Abrissprojekte.

    Die SKKG sagt, sie wolle bei den sanierten Wohnungen etwas unter den sogenannt marktüblichen Mieten bleiben. Aber auch so werden sie genug hohe Profite erzielen. Immerhin steigen die marktüblichen Mieten ständig an. Die etwas niedrigeren Mieten werden ebenso ständig ansteigen.

    Diesen März haben sich mehrere Stefanini-Häuser zusammengetan, die seit zum Teil über 20 Jahren besetzt oder geduldet, auf jeden Fall aber selbstverwaltet sind. Und selbstverwaltet meint nicht gratis. Die SKKG und die Terresta haben in all den Jahren nicht einen einzigen Franken ausgegeben für diese Häuser. Unterhalten wurden sie allein von den BewohnerInnen, die sämtliche Ausgaben selber berappen. Die selbstverwalteten Häuser sind bedroht. Im Auftrag der SKKG will die Terresta die BewohnerInnen vertreiben. Sie sollen weg. Dann kann man sanieren oder abreissen und lukrative Wohnungen bauen.

    Die BewohnerInnen haben ihrerseits mit einem offenen Brief einen praktischen Vorschlag gemacht. Die SKKG soll die Liegenschaften im Baurecht abgeben, die Häuser sollen an eine kollektive Struktur übergeben werden. Damit bliebe der günstige Wohnraum erhalten. Bislang hat sich weder die SKKG noch die Terresta zum Vorschlag geäussert.

    Doch nicht nur die BewohnerInnen der besetzten Häuser sollen vertrieben werden. Denn die Sanierung gerade der grossen Stefanini-Siedlungen in Wülflingen und Oberwinterthur bedeutet für viele, dass sie sich die Wohnungen nicht mehr werden leisten können.

    Es droht eine gross angelegte soziale Vertreibung. Die Sanierungen betreffen ja nicht nur die Stefanini-Häuser. Wird ein Block saniert, dann folgt der nächste. In der ganzen Strasse, im ganzen Quartier werden die Mieten steigen. Und sie werden nicht mehr aufhören zu steigen. Was die SKKG und andere Immo-Firmen machen, das betrifft die ganze Stadt.

    Wir sagen: Wenn die SKKG und die Terresta versucht, ein Haus räumen zu lassen, dann werden wir das verhindern. Die Kosten für die Sanierungen, wo sie nötig sind, soll die milliardenschwere SKKG bezahlen und nicht auf die BewohnerInnen abwälzen. Es dürfen keine Kündigungen ausgesprochen werden. Die BewohnerInnen sollen in ihren Wohnungen bleiben können und eine Mitsprache erhalten bei den Sanierungen.

    Und wir sagen auch: Ob mit oder ohne Mietvertrag – wir sind solidarisch miteinander, wir stehen zusammen und wir bleiben alle!

    Häuservernetzung Winterthur, 1. Mai 2021

    wohnraumverteidigen.noblogs.org
    haeuservernetzung-winti(ät)riseup.net

    Flugblatt.pdf

  • Communiqué zur 1. Mai-Demo in Winterthur (mit Fotos)

    Wir haben uns heute zum 1. Mai selbstbestimmt, laut und kämpferisch die Strassen und Gassen der Winterthurer Altstadt genommen, wir lassen uns diesen Kampftag nicht nehmen!

    Zwischen 400 und 500 Menschen waren heute auf der Strasse, weil wir wütend sind – wütend, dass diese Krise auf uns abgewälzt wird, dass Sparmassnahmen auf Jahre angekündigt sind, dass wir uns sozial isolieren und nicht demonstrieren sollen, aber munter weiter arbeiten und Profite für die Kapitalist*innen erarbeiten sollen. Ein wichtiger kollektiver Moment in Zeiten der zugespitzten Vereinzelung.

    Nachdem wir in der Steinberggasse mit der Bündnisrede des antikapitalistischen Bündnis Winterthur unsere Positionen auch den Gewerkschaften und der Sozialdemokratie an ihren Ständen deutlich machen konnten, zogen wir über die Technikumstrasse Richtung Bahnhof. Dort folgten Reden zur momentanen Krisensituation und zum Kampf für bezahlbaren Wohnraum. Aufwertung und Gentrifizierung sind nicht nur Probleme in Winterthur, hier hat die Thematik momentan allerdings eine ganz besondere Brisanz. Mit dem Versterben von Bruno Stefanini sind in Winterthur fast 2000 Wohnungen von der begonnenen Aufwertung betroffen, damit die SKKG ihre Rendite noch mehr steigern kann. Auch die teure Charmeoffensive der Stiftung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies für viele Bewohner*innen der Stefanini-Häuser bedeutet, dass sie in den nächsten Jahren ihre Wohnungen verlieren werden, weil sie die erhöhten Mieten nicht mehr bezahlen können, und dass der Gentrifizierungsprozess weiter angefeuert wird. Es ist klar, dass wir das nicht einfach so hinnehmen werden und Aufwertung von oben auf Widerstand von unten trifft. Wir müssen und werden uns auf einen langen Kampf einstellen.

    Vom Bahnhof zogen wir weiter über die Stadthausstrasse Richtung Credit Suisse und UBS, wo ein Redebeitrag folgte, der die gegenwärtigen Zustände verurteilte und die Dringlichkeit einer sozialen Revolution betonte. Von dort aus ging die Demo weiter mit einem kurzen Schlenker über die General-Guisan-Strasse Richtung Oberer Graben, wo weitere Redebeiträge folgten: einerseits zum antifaschistischen Widerstand in Zeiten einer globalen Pandemie, zu Verschwörungstheoretiker*innen und sozialdarwinistischen Durchseuchungsfantasien. Anderseits von Klimastreik-Aktivist*innen, die die sozialen Verheerungen durch die Klimaerwärmung thematisierte.

    Lautstark, kämpferisch und selbstbestimmt nahmen wir uns ein zweites Mal die Technikumsstrasse und bogen auf den Neumarkt ein, wo zum Abschluss eine feministische Rede folgte, die die Auswirkungen der Pandemie auf FLINT-Personen und die Kämpfe der Menschen, die gesellschaftliche Care Arbeit leisten thematisierte.

    Kämpfe verbinden und gemeinsam gegen Staat und Kapital vorgehen – mit «Gesundheit statt Profit» als Hauptparole haben wir die sich zuspitzenden sozialen Verwerfungen thematisiert und den diesjährigen 1. Mai ganz unter dem Schwerpunkt gestaltet: Wir tragen eure Krise nicht! Wenn wir das erreichen wollen, dann heisst dies auch, dass wir nicht diesem Staat vertrauen können, der die Kapitalist*innen und ihre Profite schützt, sondern dass wir uns organisieren müssen. Denn wir können nur in unsere eigenen Kräfte vertrauen. Klar wurde heute aber auch: Ob Basel Nazifrei, 8. März oder heute am 1. Mai: Wir lassen uns die Strasse nicht nehmen.

    Antikapitalistisches Bündnis Winterthur